Freitag, 13. Februar 2009

Ich bin weg!

Endlich hab ich Zugang zu meinem persönlichen kleinen Blögchen, rechtzeitig zum Berlinale-Ende. Alles weitere fortan hier: http://www.blog-5.epd-film.de/

Donnerstag, 12. Februar 2009

Ich war dabei!

Gerade in Angelopoulus' "Dust of Time", als es schon dem Ende zuging, ein Aufweckungserlebnis: Diese Szene kenn ich doch! Von letztem Jahr! Da waren nämlich Kollege S. und ich unterwegs, von Kino zu Kino, und mussten am Gleisdreieck umsteigen. Da stand eine Klezmer-Tanzband, Scheinwerfer, viele Leute, die warteten: kein Zweifel: Dreharbeiten. Zu welchem Film, das haben wir bis heute nicht gewusst. Aber jetzt ist er hier im Wettbewerb!
Wobei lustigerweise die letztjährigen Schilder wegen Gleisbauarbeiten auf der Strecke der U2 im Film deutlich zu sehen sind; auch die Dauer der Bauarbeiten, bis (wenn ich mich recht erinnere) 24. Februar. Nur die Jahreszahl der Datumsangaben ist schwarz durchgestrichen, weil die Szene an Silvester 1999 spielt.
Was unbeabsichtigt gut in den Film passt, der ohnehin Zeiten (und Orte) vermischt und verwirrt, von '53 bis Neujahr 2000. Und eben: bis zu den Berliner Baustellen des Jahres 2008.

Mittwoch, 11. Februar 2009

Weg vom Fenster, immer noch

Mein neuer, eigener, ganz persönlicher epd-Film-Blog scheint immer noch nicht zu funktionieren. Eigentlich sollte auf http://www.blog-5.epd-film.de/ alles von mir drauf zu sein, aber, hmmm, ein paar Beiträge fehlen noch; und vor allem: ich kann mich dort zwar einloggen, aber keinen neuen Beitrag anlegen. Deshalb mach ich tapfer hier weiter!
Es ist sowieso inzwischen alles ziemlich matschig geworden; nachts schneit es, und morgens rutscht man fast aus. Die Schokolade fällt im Kino auf den Pulli, und man merkt erst lange später einen halbgeschmolzenen Fleck. Und im Kopf sowieso: wenig Schlaf und viele Filme. Da verwirrt sich das Denken, man will auch nicht mehr essen; man läuft auf Autopilot. Genau das gefällt mir, denn gute Filme kommen da immer noch voll durch ins Gehirn, und den schlechten gegenüber ist man gleichgültig.
Ohnehin vermischt sich jetzt alles. Mitchell Lichtensteins "Happy Tears" ist zum Beispiel so ziemlich das gleiche wie Rebecca Millers "The Private Lives of Pippa Lee". Typisches US-Independentkino einerseits, in dem die Bemühung um eine Abkehr von den Klischees schon selbst Klischee ist. Geschichten von verdrehten Familien und ihren verdrehten Mitgliedern: einmal müssen sich zwei Schwestern um den dement werden Pappa kümmern, einmal sucht die stets brave Ehefrau einen Ausweg aus dem Immergleichen. In beiden Filmen dabei lustige Imaginationen der Hauptfiguren, die ihre Wirklichkeit als unwirklich empfinden; schöne Gags. Interessant dabei: die Väter beider Filmemacher waren berühmte Künstler: Roy bzw. Arthur.
In Happy Tears in eine Nebenrolle: Patty d´Arbanville als Krankenschwester-Geliebte, Anfang der 70er berühmtes Groupie, der Cat Stevens einen Song gewidmet hat. Und, tata, gestern in "Cheri" Anita Pallenberg, Stones-Anhängsel, als alte Konkubine. Wieder eine Vermischungsverbindung! Cheri ist eine Historienromanze mit viel Kamera und Ausstattung und spitzem Dialog, aber ohne rechten Höhepunkt. Ohne Steigerungen. Was man halt so erwarten kann, wenns um Kostümierte geht, deren Liebe verboten wird und deren Ehen angeordnet werden. Julie Delpy erzählt in der "Gräfin" was Ähnliches. Aber, und das ist der Clou: sie erzählt es über die Blutgräfin Erzebet Bathory, die um 1600 über hundert Jungfrauen getötet haben soll, um in ihrem Blut zu baden. Volkslegende, Vampirmythos, Märchenmotive, Horrorelemente gehen auf sie zurück; und Delpy vermenschlicht sie zu einer leidenden Liebenden, in der Kummer, Täuschung, Enttäuschung zu Wut werden, zu Aggression, zur Obsession um ihre Schönheit, zur Mordlust schließlich. Und: Delpy baut noch eine weitere Ebene ein, erzählt alles im Konjunktiv, reflektiert die Legenden mit und lässt das Geschehen ambivalent offen. Einer der wirklich guten Filme, der durch den mich einlullenden Gehirnmatsch locker durchgedrungen ist.

Tolle Frauen

In den letzten Tagen habe ich mir auf der Berlinale nur „Frauenfilme“ angesehen. Gestern war Michelle Pfeiffer auf der Berlinale und hat uns alle auf der Pressekonferenz zu CHERI wie ein Honigkuchenpferd angestrahlt. Sie hat ja auch allen Grund zu strahlen. Mit dem recht vergnüglichen Film hat Stephen Frears dem inzwischen 50jährigen Star ein Geschenk gemacht. Pfeiffer spielt eine alternde Edelkurtisane in Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts und sieht immer toll aus.

In THE COUNTESS will Julie Delpy als die Blutgräfin Erzebet Bathory ewig jung bleiben und badet deshalb im Blut ermordeter Jungfrauen. Frau Delpy war auf der Pressekonferenz genau so sympathisch und humorvoll wie man sie aus ihrem letzten Berlinale-Beitrag 2 DAYS IN PARIS kennt. Da mochte man ihr gar nicht sagen, das sie diesmal ganz offensichtlich mit der Aufgabe Regie zu führen und gleichzeitig die Hauptrolle zu spielen überfordert war.

Auch Catherine Breillat enttäuscht mit ihrer sanft poetischen Version der Geschichte um BARBE BLEUE all jene, die auf einen neuen Penis-Alarm der feministischen Filmemacherin gewartet haben. Alles ganz harmlos und lieb und schön. Immerhin kämpft Breillat so erfolgreich gegen ihr lästiges Image als Frankreichs Skandalnudel an.

Das die schönste Frau der Welt, der chinesische Weltstar Zhang Ziyi (DIE GEISHA, 2046, HERO), mit dem Wettbewerbsbeitrag FOREVER ENTHRALLED in Berlin ist, hat offenbar keinen interessiert. Die Pressekonferenz war halbleer und Zhang Ziyi höflich angespannt. Und natürlich schön. Leider hat sie in dem ebenfalls schönen aber auch ganz schön zähen Film von Chen Kaige (LEBEWOHL MEINE KONKUBINE) auch nur eine Nebenrolle. Denn eigentlich geht es um den Peking Oper Star Mei Langfang der von dem Popsänger Leon Lai verkörpert wird.
Ich mag Filme, in denen man tollen Frauen dabei zusehen kann wie sie schreckliche und schöne Dinge tun.

Dienstag, 10. Februar 2009

Auch umgezogen

Fragt mich nicht wie ichs geschafft habe. Aber ich bin jetzt auch umgezogen in meinen eigenen offiziellen Blog.

Poesie mit dem Holzhammer

LAND OF SCARECROWS / HEOSUABIDEULEUI DDANG (Forum)
Regie: Roh Gyeong-Tae. Mit: Kim Sun-Young, Phuong hi-Bich, Jung Du-Won. Republik Korea/Frankreich 2008.

Ji-Young ist eine zurückgezogen lebende Installationskünstlerin. Sie wohnt in einer von Umweltgiften verseuchten Gegend und gibt sich als Mann aus. Ji-Young fährt auf die Phillipinen um dort über eine Heiratsvermittlung eine Frau, die schüchterne Rain, zu ehelichen. Doch daheim im vergifteten Brachland findet die verdutzte Rain schnell heraus, das es sich bei ihrem Bräutigam um eine Frau in Männerkleidung handelt. Sie läuft davon und trifft auf Ji-Youngs früheren Adoptivsohn, der auf der Suche nach seinem Vater ist.

Sicher hätte man aus der herrlich verschrobenen Geschichte auch eine ausgelassene Transgender-Komödie machen können. Doch der zweite Film des Koreaners Roh Gyeong-Tae ist anstrengend prätentiöses Kunstkino, das sich selbst viel zu ernst nimmt und die Geduld des Zuschauers mit langen statischen Einstellungen und Holzhammer-Poesie strapaziert. Da hat man nichts zu Lachen.

Liebe

Es ist mal Zeit, eine kleine Motivkette zu beschreiben: jüngerer Mann und ältere Frau in LIebe verbunden. (Also eine Abkehr von der alten patriarchalischen Kinotradition, dass das junge Mädel froh ist, wenn der ältere Herr um sie freit).
Da ist natürlich der "Vorleser"; und nach allem, was wir bisher wissen, wirds das auch in "Cherie" mit MIchelle Pfeiffer geben.
Gestern hat Keanu Reeves, wieder mal als Erlöserfigur mit riesigem Christus-Tattoo auf dem Oberkörper, Pippa Lee, mindestens 15 Jahre älter, aus ihrem einengenden Leben befreit.
Im Panorama findet in "White Lightnin", einem verstörenden Alptraumfilm, die Hauptfigur mit emotionalen Problemen, drogenzerstörtem Gehirn, bösen Hassfantasien und plötzlichen Gewaltausbrüchen ein bisschen Frieden bei der um einiges älteren Carrie Fisher ein bisschen Frieden. Bis er mit Messer und Schrotflinte wieder rumwütet.
Und in Julie Delpys grandiosem "Die Gräfin" wird die Titelfigur vor allem deshalb über hundert Frauen morden, weil sie an einer verlorenen Liebe leidet zum 18 Jahre jüngeren Daniel Brühl. Wobei das mit dem Morden so eine Sache ist: weil vielleicht nur Legende... Über den Film müsste man auf jeden Fall näher eingehen; aber jetzt keine Zeit. Ganz anders, als Historien-Serienmörder-Liebesfilm, hat der Film aber ein ähnliches Ende wie "White Lightnin", voll christlichem Wahn und Selbstzerfleischung.

Montag, 9. Februar 2009

Mein Blog zieht um

Achtung: Die Personalisierung der epd-Blogs ist nun fertig. Ich habe meine Beiträge bereits in mein separates Blog umkopiert und trage neue nur noch dort ein. Ich würde mich auch freuen, wenn die Kommentare dort erfolgen würden:

http://www.blog-3.epd-film.de/

Katrina

Katrina. Der Hurrican von 2005. Das war ein ziemlicher Schock für Amerika. Und jetzt kommen die Filme zur Katastrophe raus; nicht nur aktuell im Kino, im „Benjamin Button“, auch hier auf der Berlinale.

„The Yes Men Fix the World“, und das bedeutet für die lustigen Antiglobalisierungclowns natürlich auch, hinter dem Hurrican herzuräumen. Beziehungsweise: das katastrophale Katastrophenmanagment zu verbessern. Denn in New Orleans wurde der Wiederaufbau privatisiert, und hässliche Wohnblocks der Unterschicht wurden abgerissen, obwohl sie gar nicht beschädigt waren. Um das Stadtbild zu verschönern. Um neue, schöne Wohnungen zu errichten für die, die mehr Geld haben. Um also die aus der Stadt zu halten mit weniger Kaufkraft. Andy Bichlbaum und Mike Bonanno geben sich flugs als Staatssekretäre aus und verkünden im Namen der Regierung, dass dieses Programm gestoppt wird, das nun unter dem Schutz der Politik wieder der Mensch, nicht mehr das Geld im Mittelpunkt steht.
Fliegt natülich gleich auf, ist aber lustig. Weil sich hier Wunschdenken für kurze Zeit in die Wirklichkeit überträgt In diesem ihrem zweiten Film haben die Yes-Men fünf, sechs ihrer Aktionen dokumentiert, Bichlbaum gibt sich etwa als Dow-Sprecher aus und verkündet bei der BBC, dass der Chemieriese jetzt Verantwortung übernimmt für die Opfer der Bophal-Katastrophe von 1984, als Giftgas austrat und tausende starben. Die Aktionen gehen von gruslig (ein goldenes Skelett für die internationale Bankengemeinschaft) über eklig (Kerzen aus Menschenfleisch) bis lächerlich (ein bulliger madenähnlicher Schutzanzug gegen die Klimakatastrophe). Das alles ansprechend ironisch präsentiert, mit vielen kleinen und großen Gags. Das haben sie wirklich ganz gut gemacht, super Unterhaltung für die, die sich hilflos fühlen angesichts von Finanzkrise, Klimakatastrophe und Globalisierung. Ein Film für Gleichgesinnte, natürlich; aber immerhin wissen Bichlbaum und Bonanno, dass im großen Ganzen alles nichts nützt. Zur Obama-Wahl verteilten sie eine Fake-New York Times mit der Schlagzeile „Iraq War Ends“ und weiteren hoffnungsvollen Meldungen dessen, was gut und richtig und wichtig und möglich wäre. Wenn sich was ändern würde.

Katrina auch in Bertrand Taverniers Südstaaten-„Thriller“ „In the Electric Mist“, in dem Tommy Lee Jones, welche Überraschung, mal wieder einen Killer jagt. Da wird der Wirbelsturm als eine Art Metapher benutzt für das ganze Durcheinander und Umgestülpe von Vergangenheit und Gegenwart und Lebenden und Toten. Ein erschossener Nigger aus den 60ern spielt ebenso eine Rolle wie ein Serienkiller der Gegenwart und eine Hollywoodfilmproduktion, die von John Goodman als mafiaähnlichem Paten bezahlt wird. Und T. L. Jones ist Alkoholiker und sieht einen General aus dem Bürgerkrieg, der ihm Tipps gibt. Wird immer wieder philosophisch bis poetisch und dann wieder gewalttätig. Und weiß am Ende plötzlich, wer der Killer ist, was aber gar keine richtige Auflösung ist und eigentlich sowieso egal. Atmosphärisch ist das ganz ordentlich gearbeitet, mit Handlung hat man sich halt nciht weiter beschäftigt. Gezeigt wurde hier der Directors Cut des Films, der schon 2007 gedreht wurde und um den Tavernier und die Produzenten dann ziemlich gestritten haben.
Kollege S. (ich sag nicht,welcher) hat übrigens gestern in seinen geheimen Produzentencut reingesehen, der kürzer ist, mit anderem und offenbar klarerem Anfang, am Ende im Schnitt etwas anders angeordnet (so dass doch noch alle Personen, die unterwegs verloren wurden, wieder auftauchen); und mit etwas weniger des Voice-Over-Kommentars von Jones, der halt doch etwas nervt. Vielleicht also ist hier die US-Schnittversion tatsächlich besser...

Absolut Brav

ABSOLUTE EVIL (Panorama)
Regie: Ulli Lommel. Mit: Rusty Joiner, Carolyn Neff, Ulli Lommel.

Fassbinder Veteran Ulli Lommel hat in seiner bewegten Filmkarriere als Schauspieler, Regisseur und Produzent schon viele schön schreckliche Genre Filme gemacht. Unvergessen wie er in DIE ZÄRTLICHKEIT DER WÖLFE Kurt Raab als Serientöter Haarmann in schlanke Männerhälse beißen ließ. Mit dem Slasher THE BOOGEYMAN machte sich Lommel 1980 gar Hollywood gefügig.

Wenn nun ein neuer Film vom Lommel mit dem vielversprechenden Titel ABSOLUT EVIL im Panorama der Berlinale läuft, weckt das natürlich Erwartungen. Doch der Krimi um den Tod eines strammen jungen Mannes mit dem Spitznamen Babyface entpuppt sich als unnötig unübersichtlich strukturierte Schnitzeljagd ohne Höhepunkte und mit dem unglücklich amateurhaften Charme eines Homemovies.

Die durch Tarantinos KILL BILL zu neuen Ehren gekommene B-Film-Ikone David Carradine spielt in einer Nebenrolle müde einen noch müderen Gang-Leader im Rollstuhl. Und Lommel selbst kommt als folternder Privatdetektiv auch nicht besonders evil rüber. Echt Schaaade.

NAZI TRASH POTENTIAL

Auf dem Filmmarkt der Berlinale ist der vielversprechende norwegische Nazi-Zombie Film DEAD SNOW zu sehen. Weil ich aber nur eine Akkreditierung als Journalist habe, kam ich da nicht rein. Schließlich könnte ich potenziellen Filmeinkäufern den Sitzplatz weg nehmen.

Da ich nun Lust auf Nazi-Trash bekommen hatte, war ich in dem Wettbewerbsbeitrag DER VORLESER, in dem Kate Winslet eine verliebte KZ-Wärterin mit dem Charme einer Bierkutscherin spielt. Das einzige Trash-Potential, das der gediegene VORLESER vielleicht hat, ist der ausgestellte deutsche Akzent, den alle Schauspieler ihren englischen Dialogen verpassen. Bernhard Schlink, der Autor der Romanvorlage, nannte das auf der anschließenden Pressekonferenz „deutsches Englisch“.

Nazi-Trash ist ja, wie wir in Marcus Stigleggers Artikel in epd FILM 1/09 gelernt haben, das nächste große Ding. Nach dem langweilig seriösen OPERATION WALKÜRE warten wir deshalb alle gespannt auf Quentin Tarantinos Beitrag zur deutschen Vergangenheitsbewältigung INGLORIOUS BASTERDS, der soeben in Berlin abgedreht wurde und im August dieses Jahres starten soll.

Wo wir gerade beim Thema sind (und von der Redaktion zu multimedialen Spielereien aufgefordert wurden), möchte ich diese Gelegenheit schamlos ausnutzen und den Film bewerben, den Thilo Gosejohann über mein Theaterstück CAPTAIN BERLIN VERSUS HITLER gemacht hat. Hier der Trailer:


Die Weltpremiere wird am 06.03.2009 in der Weltstadt Gelsenkirchen im Schauburg Filmpalast gefeiert.

Leidensfähig in Hong Kong

THE BEAST STALKER
Regie: Dante Lam. Mit Nicholas Tse, Nick Cheung, Zhang Jingchu u.a.
Der junge Sergant Tong Fei jagt mit seinen Mannen den schon lange gesuchten Kriminellen Cheung Yat-tung im undurchdringlichen Straßendschungel von Hong Kong. Bei einer Verfolgungsjagd kommt es zu einem folgenschweren Autounfall bei dem der Gejagte ins Koma verfällt und die kleine Tochter der Staatsanwältin Ann Ko ums Leben kommt. Als der skrupellose Profikiller Hung King die zweite Tochter der Staatsanwältin entführt um seinen aus dem Koma erwachten Boss Cheung Yat-tung freizupressen, macht sich Sergant Tong Fei auf, das Mädchen zu retten. Den Tong Fei plagen massive Schuldgefühle. Er glaubt verantwortlich für den Tod von Ann Kos Tochter zu sein.

Überhaupt wird viel gelitten von allen Beteiligten in diesem verschachtelten Action-Drama von Dante Lam. Mit seinem Focus auf der Leidensfähigkeit seiner Protagonisten erinnert THE BEAST STALKER manchmal an amerikanische Folterfilme wie HOSTEL oder SAW. Auch ästhetisch orientiert sich der Film in seiner Grobkörnigkeit mehr am modernen Horrorkino. Der gruselige Kidnapper Hung King bewegt sich zackig wie eine Mordmaschine, ist auf einem Auge blind und hat ein vernarbt entstelltes Gesicht. Doch um beinharte Horror-Fans befriedigen zu können, ist der Film dann doch nicht blutig genug. Sonst wäre er schließlich nicht im Rahmen der Berlinale zu sehen.

Des weißen Mannes Bürde

Seit Joseph Conrads Zeiten sind die Verhältnisse komplizierter, verfänglicher geworden, aber die Geister der muslimischen Pilger, die Lord Jim an Bord der Patna verriet, suchen uns auf der Berlinale allerorten heim. Der Okzident leistet Buße für das, was er dem Orient seit Jahrhunderten antut. Die Last des Gewissens ruht schwer auf den Bewohnern der wirtschaftlich privilegierten Nationen.
Lukas Moodysson hat mit „Mammoth“ ein Remake von „Babel“ gedreht, wenn auch ohne die Gewehrschüsse. Längst liegt ein Fluch über dem globalisierten Erzählen. Sein dramaturgischer Avatar ist das unablässige Klingeln der Handys, besser gesagt, die Rat- und Gegenstandslosigkeit der Gespräche, die mit ihnen geführt werden. Die Parallelführung von Familienschicksalen in New York, Thailand und auf den Philippinen gerät Moodysson zusehends vorhersehbar, ihre Moral ist nicht das Resultat eines Lernprozesses, sondern nurmehr eine Prämisse. Auf verwerflichste Weise spielt das Drehbuch hier Schicksal, auch wenn es sich den Anschein eines tiefen Bekümmertseins gibt. Ein Filmmacher ist schlecht beraten, wenn er sich eine gottgleiche Autorität anmaßt, zumal wenn er dies noch mit Sakralmusik unterstreichen muss. Lord Jims Hochmut lebt fort in diesem Film.
In dem vermeintlich globalisierten Erzählen erweist sich nur, dass Hollywood nunmehr auch die Leitwährung für den europäischen Autorenfilm ausgibt, für die Vorstellung von Familie und das Arrangement der Konflikte. Moodyssons Film ist ganz von der Konstruktion her gedacht. „Welcome“ von Philippe Lioret hingegen hält es weniger mit der Arithmetik, sondern entwickelt sein Drama aus den Charakteren heraus. Vincent Lindon nimmt sich als Schwimmlehrer eines illegalen, kurdischen Einwanderers an, der um jeden Preis nach London zu seiner Freundin will. Lioret ist ein aufgeklärter Melodramatiker, der sich nicht scheut, das Politische ganz fest mit dem Privaten zu vermählen. Er kann es, weil er seinen Hauptfiguren auf gleicher Augenhöhe begegnet. (Das zeigt sich allein schon darin, wie er den verlorenen Verlobungsring behandelt, der zum Unterpfand des kulturellen Transfers wird: ganz ohne die fahrlässige Ironie, mit der Moodysson den teuren Füllfederhalter kursieren lässt.)
Auch bei ihm ist die Familie das Maß aller Dinge, aber er erspart uns deren Apotheose. Lindon empfindet väterliche Gefühle für den Jungen und setzt seine bürgerliche Existenz beinahe aufs Spiel, um ihm zu helfen. Einmal gesteht er seiner geschiedenen Frau, einer Sozialarbeiterin, dass er am Ende seiner Kräfte ist: „Ich kann nicht mehr schlafen ohne dich, kann nicht mehr essen.“ Humanitäres Engagement aus unerfüllter Liebe? Lindon will seiner Frau nicht imponieren, will sie heraushalten aus seinen Problemen. Aber vielleicht will er ihr demonstrieren, dass er etwas gelernt hat von ihr. So ergeht es einem manchmal, wenn man immer noch liebt, obwohl man die Hoffnung längst hätte aufgegeben müssen.
Gerhard Midding

Du hast nichts gesehen in Patusan

In dem berühmten Vorwort zu „The Nigger of the Narcissus“ formuliert Joseph Conrad sein erzählerisches Mandat: uns durch die Macht des geschrieben Wortes dazu zu bringen, zu hören, zu fühlen und, „before all, to make you see“. Diese Hierarchie müsste sich im Kino eigentlich leicht einhalten lassen, aber bei der Vorführung von „Lord Jim“ erging es mir anders.
Natürlich war ich beeindruckt von der Brillanz der restaurierten 70mm-Kopie, aber eben doch nicht überwältigt. Was mich before all in den Bann des Films schlug, war seine Tonspur. Die kehlige Erzählstimme von Jack Hawkins ließ mich hellhörig werden, ihr nachgerade exzessiv britischer Duktus des Nachdrücklichen verleiht dem Ethos der christlichen Seefahrt eine Autorität, die man in diesem Drama der moralischen Ungewissheiten nie in Frage stellt. (Ihr Pendant findet sie später in der samtigen Verschlagenheit von James Mason als Gentleman Brown, der die menschlichen Abgründe so intim kennt, wie es nur einem gefallenen Engel zu Gebote steht.) Jims Passage vom Hochmut zum Ehrverlust und schließlich zu seiner vergeblichen Buße war für mich von da an untrennbar mit Klängen verbunden: Dem Donnerschlag während des Hurricanes, der ihn von Bord der „Patna“ in das klägliche Rettungsboot mit der fliehenden Mannschaft schleudert, die Nebelhörner, die Gewehr- und Kanonensalven bei der Schlacht und die Gesänge der feiernden Eingeborenen, die er zum Sieg geführt hat.
Während das Schlagen der großen Glocke in Patusan Jims Schicksal besiegelt, offenbart das helle Klingeln der unzähligen Glöckchen seine Sehnsucht nach Erlösung, nach einem unbelasteten, unbefleckten Leben. Ob ich den Bildern damit habe Ungerechtigkeit widerfahren lassen? Immerhin spart die Montage in Richard Brooks‘ Verfilmung die entscheidenden Momente aus, Jims Sprung in die Ehrlosigkeit und seinen Tod. Sie scheinen ihr unergründlich, und damit unzeigbar.
Gerhard Midding

Sonntag, 8. Februar 2009

Ich klage an

Es wird Zeit, über Missstände zu sprechen. Über himmelschreiendes Unrecht, über skandalöse Zustände. Ich prangere an!

Erstens: Dieses sogenannte Weblog, das lustigerweise von der weltweiten Internetgemeinde nicht gefunden werden kann. Ja sicherlich: es hat subversiven Charme, hochkarätige Autoren ein WWW-Tagebuch schreiben zu lassen, das dann von der Öffentlichkeit konsequent und vorsätzlich ausgeschlossen wird. Sinn der Sache aber ist es nicht. Ich habe jedenfalls meine Fans, alle drei, persönlich anrufen müssen, um ihnen die korrekte, direkte URL für das alte epd-Film-Massenbloggeschreibsel mitzuteilen, das nicht mehr verlinkt ist mit der offiziellen Online-Präsenz dieser (vormals?) führenden Filmzeitschrift Deutschlands. Die hier aber kläglich versagt hat. Das prangere ich an!

Zweitens: Selters. Wir alle schätzen dieses urdeutsche Wasser, das durch einen tiefen Stein muss. Und noch gestern vormittag hätte ich Jubelchöre über dieses herrliche Nass in die Welt geschrieen, weil nun, dank dieses vorbildlichen Unterstützers der Berliner Filmfestspiele, endlich wieder Journalisten kostenlos labendes Nass angeboten bekommen. Keine dehydrierten, dem Austrocknen nahen Schreiberlinge, die mit letzter Kraft die Stufen des Berlinalepalastes hochkriechen, dürstend nach labendem Wasser! So war es die letzten Jahre: ausgemergelte Gestalten streiften umher in dieser Betonwüste, die nicht mehr wussten, ob sie nun einen Film oder eine Fata Morgana gesehen haben. Dieses Jahr aber: Selters. Schöne, blaue Flaschen, halblitervoll für den kühlen Genuss im Kinosaal.
Und dann. Selters, dieser multinationale Konzern mit Milliardenboni für seine Managerriege, dieser mutmaßliche Kriegstreiber und –profiteur (siehe 007!), dieser kaltherzige Erzkapitalist, der es nur auf unser Geld abgesehen hat, bei dem gute Taten sich stante pede in bare Münze auszahlen muss: die ersten Tage mit paradiesischem Manna für die Journalisten: das war nur ein Anfixen. Seit gestern: nur noch schwere Viertelliter-Glasflaschen mit Kronkorkenverschluss, die man nicht mitnehmen kann! Die von einem Normalmenschen ohne Spezialwerkzeug nicht geöffnet werden können! Wir sind doch auch menschliche Wesen! Und werden nun abgespeist mit lächerlichstem Werbemüll, der nur oberflächlich eine Labsal ist, eigentlich aber nicht zu gebrauchen. Und das nur, um dann hinterher sich zu rühmen für die eigene Samariterhaftigkeit! Heuchler! Heuchler! Uns am ausgestreckten Arm verdursten zu lassen! Das prangere ich an!

Und drittens, das hat die Kollegin Hallensleben in diesem Geheim-Blog schon angebracht: Bei Panorama-Filmen, in denen eigentlich für akkreditierte Journalisten freien Zugang garantiert ist, für die also keine Eintrittskarte geholt zu werden braucht, ist häufig genug der Zugang für Pressevertreter sehr, sehr streng kontingentiert. Dem Kollegen S. (ein anderer Kollege S.; es gibt da mehrere) wurde etwa der Zutritt verwehrt, weil „schon 20 Akkreditierte drin sind“. In einem 800-Plätze-Kino.
Nachfragen beim Berlinale-Pressebüro ergaben, dass die Zahl 20 totaler Quatsch sei. „Das sind Studenten, die wissen nicht, was los ist, die sagen halt irgendwas.“ Aber: man müsse schon eine halbe Stunde vor Beginn da sein, das sei ja klar. Es sei halt „mixed audience“, für Karteninhaber muss ja auch noch Platz sein. Dennoch bleibt der Eindruck, dass hier das Kontingent ziemlich zusammengeschrumpft ist – all die Jahre vorher waren nie irgendwelche Beschwerden dieser Art bekannt geworden. Auch bei ausverkauften Vorstellungen. Eine Behinderung der freien journalistischen Arbeit prangere ich jedenfalls auch an.

Samstag, 7. Februar 2009

Ricky

Bei der Pressevorführung von Francois Ozons „Ricky“ verließen nach ca. genau der Hälfte einige, einige viele der Kollegen das Kino. Und ich habe Anlass, in Vorurteilen gegen das Filmjournalistenpack zu schwelgen, das in diesen Tagen hier so zahlreich umeinanderstolpert. Dass diese Leute nämlich schlicht enttäuscht waren, ja, sich von Ozon getäuscht fühlten.
Der fängt nämlich ganz bitter an, mit einer Frau, Katie, die beim Sozialamt um Hilfe bittet: sie kommt mit zwei Kindern nicht mehr zurecht, will das Baby abgeben. Dann Rückblende, mehrere Monate vorher: wie sie bei einer Rauchpause in der Fabrik Paco kennenlernt, ihn gleich für einen Quickie im Klo begleitet. Wie er bei ihr einzieht, wie ihre Tochter Lisa höchst reserviert ist. Wie dann das neue Baby da ist: Ricky. Wie Paco nichts mit ihm anfangen kann. Wie da blaue Flecken auf Rickys Rücken erscheinen.
Ein sozialrealistisches Drama also um eine dysfunktionale Familie, um emotionale Verkommenheit, um die Umstände in der Unterschicht, um die Trostlosigkeit, darum, wie mit einem neuen Baby vielleicht etwas Glück erhofft werden kann. Um die Neuverteilung der angestammten Plätze im Familiengefüge. Ozon setzt alle Zutaten mustergültig ein, nimmt immer wieder Lisas Blickwinkel ein, die sich ausgegrenzt fühlt, wenn Paco, später Ricky ankommen. Die schon in der ersten Familienszene Katie bemuttert, sie weckt, Frühstück macht, sie dazu anhält, arbeiten zu gehen. Die Mutter also eher unreif, die Siebenjährige wird in eine Erwachsenenrolle gedrängt, Paco eher teilnahmslos und vor allem an Katies Körper interessiert. Und hilflos gegenüber dem Baby. Dann der Verdacht, er habe es geschlagen. Und sein Verlassen der Familie.
Genau die tragische Unterschichtsgeschichte, in der sich die wohlsituierten Journalisten so gerne suhlen, in einem überlegenen Gefühl, aber mit gönnerhaftem Mitleid. Und dann macht der Ozon das, was er getan hat! Stellt alles auf den Kopf, nein: ändert völlig den Ton, lässt alle Erwartungen ins Leere laufen, die er zuvor so sorgfältig aufgebaut hat, kommt hin zum Fantastisch-Märchenhaften, ja: geradezu Albernen! Das kann durchaus als Verrat am Zuschauer empfunden werden, wenn man nicht die nötige Flexibilität des Geistes aufbringt. Hier wird’s plötzlich witzig, und das können viele nicht verzeihen (laut meiner voreingenommenen Meinung). Dabei wird jetzt der Film erst wunderschön, nicht nur wegen der fantastischen Wendung, auch wegen Ozons meisterhaftem Spiel mit den filmischen Mitteln, die er immer wieder einsetzt, um falsche Fährten zu legen.
Und wenn die Kritiker dageblieben wären, wären sie am Ende vielleicht doch noch befriedigend belohnt worden. Weil ja – das ist Interpretationssache – alles metaphorisch gesehen werden kann, wenn man denn will, als Allegorie auf den Tod zum Beispiel oder auf das Glück, oder als Traum von Katie, oder von Lisa.
Vielleicht hatten die Kinosaalverlasser ja auch einfach keine Zeit mehr; diese zweite Pressevorführung war ja mit 30 Minuten Verspätung gestartet. Wieder versöhnt?

Freitag, 6. Februar 2009

Vier Stunden

Gestern hab ich zudem einen Vier-Stunden-Film gesehen. Den ersten in meinem Leben, glaub ich. „Love Exposure“ heißt dieser neue Film von Sono Sion, der vor ein paar Jahren mit dem total bizarren und wunderbar verschachtelten „Strange Circus“ im Forum war.
Vor asiatischem Kino scheue ich mich normalerweise ein bisschen, weil ich immer das Gefühl habe, wenn mich in der Kultur nicht richtig auskenne, kapier ich den Film nicht ganz. Wenn ein Japaner sich verbeugt und irgendwas Abgehacktes schreit, weiß ich nicht, ob er jetzt den anderen zusammenscheißt oder sich unterwirft oder einen Heiratsantrag stellt.

Sono Sion aber ist total absurd, und das ist ja nun weltweit (un)verständlich. Die erste Stunde von „Love Exposure“ ist dementsprechend ziemlich stranger Zirkus: Yu ist Sohn eines Priesters, der als Witwer zum Katholizismus wechselte (in Japan) und der sich nach einer verunglückten verbotenen Liebesbeziehung trotz Zölibat ganz auf die Sünden seines Sohnes versteift, der genau deshalb erst Sünden begeht, um dem Vater zu gefallen. Der deshalb bei einem Meister eine Art Lehrgang macht: er lernt, per Digitalkamera im Kung-Fu-Stil den Mädels heimlich unter den Rock zu fotografieren. Und das ist mal eine spaßige Angelegenheit! So bizarr und gleichzeitig einfallsreich und akrobatisch!
Er lernt dann die Liebe seines Lebens kennen – das erste Höschen, bei dem er einen hard-on kriegt. Und wird – das sind die restlichen Filmstunden – ziemlich gebeutelt mit dem Gewinnen seiner geliebten Yoko. Weil die ihn erstmal nur als Miss Scorpion in Frauenkleidern kennt und glaubt, lesbisch zu sein (also ebenfalls pervers), was aber alles eine Intrige ist einer ganz ganz bösen Sektenchefin, die Yoko täuscht und sich selbst als Miss Scorpion ausgibt, um sie und Yu und seinen Vater und dessen Geliebte in die Verzweiflung zu treiben, damit sie der Sekte beitreten etc. etc.
Was zunächst als Groteske beginnt und völlig over the top ist, ändert dann seine Stimmung in Melancholie, ins Melodramatische. Die Liebesgeschichte wird auf dem Fundament gebaut, das die abgedrehte erste Stunde gelegt hat – sie ist aber ganz ernst gemeint. Und dennoch mit einer Menge camp-Elementen durchsetzt. Ein Spagat, der Sion durchweg gelingt. So dass seine 4 Stunden sich wie zweieinhalb anfühlen.

Aktuelle Beiträge

Hier in Berlin sehe ich...
Hier in Berlin sehe ich nahezu tagtäglich Dreharbeiten,...
Silvio (Gast) - 14. Dez, 11:30
Ich bin weg!
Endlich hab ich Zugang zu meinem persönlichen...
muehlbeyer - 13. Feb, 19:37
Ich war dabei!
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muehlbeyer - 12. Feb, 18:21
Weg vom Fenster, immer...
Mein neuer, eigener, ganz persönlicher epd-Film-Blog...
muehlbeyer - 11. Feb, 19:42
Tolle Frauen
In den letzten Tagen habe ich mir auf der Berlinale...
JButtgereit - 11. Feb, 10:01

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